Ein Seher steht im Walde
ganz still und dumm.
Seine Röhre ward ihm kalte,
er fraget sich warum.
Wer hat dieses Seherlein
getragen in den Wald hinein
mit seinem lo-o-osem Steckerlein?

Ein Seher

   

Quelle: Arbeitskreis Sachthemen, 07/2010

     
   


Ein Seher [#6565]

   

The Making of Seher / Seher revisited / Seher revisited reloaded

Enthusiastisch elastisch überdreht eilen die Entscheider Fellgerber, Nimsgern und Mörser in die Redaktion. „Von den Kerguelen haben wir knapp 4.000 digitale Eindrücke mitgebracht. Und was ist hier gelaufen?“

Kevin Meese schaut Lego Legasto an, Lego Legasto schaut Lex Kosmos an, Lex Kosmos schaut Anna Gramm an. Anna Gramm schaut nach vorne: „In der Kalenderwoche 28 haben wir unseren Betriebsausflug nach Kalköd gemacht. In der Nähe der Müllweiher haben wir einen Fernseher gesehen. In Kalköd wollten wir Blaue Zipfel essen, aber es war Ruhetag.“

„Sehr aufregend“, brummt Mörser.

„In der KW 29,“ fährt Kosmos mutig erstarkt fort, „haben wir unseren Betriebsausflug Revue passieren lassen. Anna habe fröhlich gesummt: ‚Ein Seher steht im Walde, ganz still und dumm'. Der Tenor jener Redaktionssitzung war, dass der Seher im Wald etwas habe. Legasto habe anerkennend kommentiert: ‚Der Seher hat was.' Dem haben alle beigepflichtet. So wurde für die KW 30 das Projekt „Seher revisited“ gestartet. Wieder sei man mit Kameras bewaffnet gen Kalköd gezogen. Doch der Seher war weg.“

„Weg“, murmelt Fellgerber.

„Ich“, blickt Meese neben dem Reißwolf auf, „habe den Seher verlassen am Straßenrand entdeckt. Das orangefarbene Fahrzeug der Straßenmeisterei hat sich schon über die Kuppe geschoben, da hab' ich den Seher gepackt und in den Wald zurückgetragen.“

„Zurück in den Wald“, murmelt Fellgerber.

„Es ist nicht leicht gewesen, im Wald für den Seher einen geeigneten Platz zu finden. Denn der Originalschauplatz ist nicht mehr da gewesen. Natürlich ist er noch irgendwo da gewesen, aber die Abdrücke des Sehers im Waldboden sind für die Gruppe nicht mehr auffindbar gewesen. Gefunden worden sind im ersten Ansatz drei Pfund herrlicher Speisepilze, aber das gehört nicht zu diesem Thema. So ist dann einvernehmlich ein quasi authentischer Platz ermittelt worden, um den Seher in Szene setzen zu können. Dieses Szenario ist anforderungsgerecht festgehalten worden.“

„Na prima“, seufzt Nimsgern, “das war's also.“

„Nein“, verbessert Kosmos, „bei der Durchsicht der Ergebnisse haben wir festgestellt, dass der Seher zwar in variierendem Abstand, aber nur in leichter Draufsicht abgebildet worden ist. Die dramatische Ansicht von unten ist außen vor geblieben. Entschlussfreudig ist gehandelt und für die KW 32 das Projekt „Seher revisited reloaded“ anberaumt worden. Der Seher hat sich verlassen an Ort und Stelle befunden. Wir sind dann mit dem Seher ausgeschwärmt und haben einen geeigneten Ast gesucht. Das ist nicht leicht gewesen, hat doch der Ast zumindest drei Anforderungen gleichzeitig erfüllen müssen. Erstens hat er sich in erreichbarer Höhe befinden müssen. Zweitens hat er von handhabbarer Länge sein müssen, um den Griff darüber zu bekommen und drittens hat er stabil genug sein müssen, um den Seher zu tragen. Was für eine Herausforderung, ein wahrer challenge. Dennoch haben vorbeiziehende Wanderer böse geschaut, als wir den Seher an einen tauglichen Ast gehängt haben.“

Fellgerbers Schläfen schwellen an.

„Wie haben Sie das Requirements Engineering gehandelt?“

„Das Requa, qui, quo“, stammelt Meese.“

Anna Gramm hilft. „Das Requirements Engineering, zu Deutsch Anforderungsmanagement, umfasst das planvolle Erheben, Dokumentieren, Prüfen und Verwalten der Anforderungen an Lösungen zur Gewinnung von Inhaltsdarstellungen.“

„Wie haben Sie das Anforderungsmanagement gehandhabt“, fasst Fellgerber so schnell nach, wie eine Echsenzunge nach Beute greift.“

„Wir haben das Anforderungsmanagement auf traditionelle Weise gehandhabt.“

„Heißt?“

„Wir haben das Anforderungsmanagement speziell bei der Suche nach einem anforderungsgerechten Ast nicht angewendet“.

In der Redaktion wird es so leise, dass man einen Kaffee in eine Tastatur sickern hören könnte.

Fellgerbers Schläfen verfärben sich ins Weinrote.

„Zeigen Sie mir alle sofort Ihren ANaL, ANaL, ANaLBo, den Arbeitsnachweisleistungsbogen meine ich.“

Eilfertige Hände präsentieren die ANaLBos. Für den siebten August ist jeweils kontiert: ‚Suchen und Finden eines hinsichtlich Höhe wie Stärke geeigneten Astes für das Detailprojekt Seher revisited reloaded im Rahmen des Projektes Informationsbeschaffung, Aufwand zweieinhalb Stunden'.

„Sie sehen, es hat alles seine Richtigkeit und Ordnung.“

„Seine Richtigkeit und Ordnung“, platzt es aus Nimsgern heraus.

Fellgerber hebt sanft seine Hände. „Und dann?“

Der Gehilfe Meese hat sich von Nimsgerns Schrei als Erster erholt. „Dann haben wir die dramatischen Untersichten des Sehers aus modifizierten Winkeln durch Abschreiten eines unvollständigen Halbkreises oder einer Halbellipse festgehalten. Den Seher haben wir hängen lassen wollen, um von Wanderern und Wegemarkierern nicht wieder böse angesehen zu werden. Aber Anna Gramm hat mit den Worten ‚Ihr habt ja einen Knall' den Seher vom Ast gehoben. Aus einer ritterlichen Regung heraus habe ich Frau Gramm das Gerät abgenommen. Ich bin mit ihm auf dem Weg zum Straßenrand gewesen, als ein Mann in blauer Uniform mich angesprochen hat, was das solle. Ich habe ihm viel zu ‚Szenario', ‚Draufsicht', ‚Untersicht', ‚Halbellipse' erklärt und habe wohl die richtigen Worte nicht gefunden. Bei meinem Schlusssatz: ‚Unterwegs im Dienste der Kunst' hat er genickt, ‚Verstehe' gesagt und mich untergehakt in die Anstalt eingeliefert.“

„Für die KW 34 haben wir einen Termin für die Gesamtsichtung und Auswahl der treffendsten Darstellung gemacht. Zum Termin sind nur vier Inhaltsbestimmer anwesend gewesen, Lego Legasto hat gefehlt, weil er am Welttag des Stotterns in seiner Stotterer-Selbsthilfegruppe in Abstimmung mit dem Stottererbetroffenenverband einen Vortrag über „Stotterprobleme von Stotterern“ für spottende Nichtstotterer gehalten hat. Kurzum wegen der Abwesenheit Lego Legastos ist das Inhaltsbestimmungsgremium nicht beschlussfähig gewesen.“

Fellgerbers Hals ist angeschwollen und ähnelt in Form und Farbe einem Ring Hausmacher Wurst. „Und dann?“

„Dann haben wir für die KW 35 den Wiederholtermin angesetzt. Nach § 7c der Satzung ist die Versammlung bei einem Wiederholtermin auch ohne Mehrheit der Anwesenden bezogen auf die Gesamtmitgliederzahl beschlussfähig. Zum Wiederholtermin ist allein der Gehilfe Meese erschienen.“

„Und ich habe die bodenständige Darstellung Nr. 6565 gewählt. Hat Topqualität, ist astrein. Den Ast hätten wir gar nicht gebraucht,“, strahlt der Gehilfe Meese. „Wollen Sie mal sehen?“

„Welcher Qualitätsfaktor wurde angewendet“, fragt Nimsgern streng. „Qualitätsfaktor?“ Meese starrt in den Rachen des Reißwolfes, als erwarte er von diesem eine Antwort.

Legasto kommt seinem Gehilfen zur Hilfe: „Der Qualitätsfaktor ist in einem Dokument dokumentiert und besagt, dass die anzustrebende Qualität nach Maßgabe der Vorgaben und Ziele in Bezug auf sowohl die Qualität per se wie auch auf die Verkaufbarkeit unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ... „ Er stockt und schaut zu Anna Gramm.

Diese rettet wieder: „Wie Herr Legasto bereits ausführte, ist Qualität gemäß der Qualitätsnorm „der Grad, in dem ein Satz inhärenter Merkmale Anforderungen erfüllt“, und ihr Grad / Faktor in unserem Redaktionsqualitätsmanagementhandbuch im Kapitel 8 „Kompatibilität der Qualität“ definiert als der Qualitätskoeffizient, welcher zusammen mit seinem Supplementkoeffizienten, dem (Tolerierbarer) Mängelkoeffizienten, immer die Summe 1 ergibt. Die Zahl 1 repräsentiert dabei den maximal erreichbaren Grad (100%) einer idealen Qualität. Belastbare Studien und jahrzehntelange Erfahrung haben gezeigt, dass eine Leistungserbringung mit einem Qualitätskoeffizienten größer 0,67 unter wirtschaftlichen Aspekten nicht vertretbar, mit einem Mängelkoeffizienten größer 0,33 unter Aspekten der Nutzerzufriedenheit nicht vertretbar ist. Dementsprechend ist von der Leitung eine jede Leistungserbringung verbindlich mit dem Qualitätskoeffizienten gleich 0,67 und folglich dem Mängelkoeffizienten gleich 0,33 festgelegt worden. Des Weiteren besagt das Achtungzeichen unter diesem definierenden Passus, dass der Begriff „Faktor“ für „Koeffizient“ als Synonym zulässig, hingegen „Schlampsaufaktor“ als Synonym für „Mängelkoeffizient“ unzulässig ist.“

Meese ist begeistert von diesem Fremdwortgewitter. Als seiner Erwartung entgegen niemand klatscht oder „dufte, klasse, super, voll krass“ ruft, steckt er einen Stapel Qualitätsmanagementpapiere in den Reißwolf, was das Geräusch eines fanfarenhaften Würgens hervorbringt.

Die Formulierung des für die erzielte Topqualität angewendeten Qualitätsfaktors wird von Nimsgern nicht mehr eingefordert.

Die drei Entscheider haben schon mit von Zorn und tiefer Trauer über geschmälerten Gewinn geröteten Augen die Redaktion verlassen. Die Freude der Zurückgelassenen über den gegen Null laufenden Schlampsaufaktor ist verhalten und Legasto spricht aus, was die übrigen Redakteure denken: „Es wird Meese enden.“

 

   

Was soll das sein/Soll das was sein.
Es kann was sein für die, die sehen, was es sein soll.

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